30. November 2012 | Straßenmagazin | Soziales |

20 Jahre danach - Ein Dortmunder in Mölln

Murat Kayi ist Musiker und Kabarettist aus Dortmund. Ibrahim Arslan (Interview im Heft), der als Kind den Mordanschlag auf seine Familie überlebte, las Kayis Texte im Internet und wünschte sich den Dortmunder als Gast beim Gedenkkonzert zum 20. Jahrestag des Anschlags. Am 17. November stand Murat Kayi mit Künstlern wie Jan Delay und Samy Deluxe auf der Bühne der Möllner Stadthalle. bodo sprach mit ihm über 1992.

bodo Was hast du mit Mölln zu tun?

MK Oberflächlich gar nichts. Auf einer tieferen Ebene habe ich so viel mit Mölln zu tun, wie jeder haben sollte, der nicht mit versteinertem Herzen durch die Welt läuft. Mich hat das damals traumatisiert, nicht Mölln alleine, die Jahre 1992 / 1993. Mölln, das ist das Überschreiten weiterer Grenzen. Morde an Kindern, im Westen. Für mich hat sich mit dem Kontakt zur Familie Arslan ein Kreis geschlossen. 1992 habe ich nichts zum Thema Mölln geschrieben. Als ich später auf die Bühne ging, um Texte vorzutragen, war einer der ersten ein Text zum Thema, weil mich das seit damals nicht losgelassen hat.

bodo Allein im ersten Halbjahr 1992 gab es 1.443 rassistisch motivierte Straftaten, davon 128 Brandanschläge – und das nur nach offizieller Zählung. Wie hast du diese Zeit erlebt?

MK Bis es losging, war ich deutscher als die Deutschen, in der Hinsicht, dass ich mit meinen türkischen Wurzeln nicht viel am Hut haben wollte. Ich dachte, das hätte sich für mich erledigt. 1990 wurde ich eingebürgert und dachte, ich wäre jetzt Deutscher. In der Phase musste ich dann erleben, dass angefangen von den Roma über die Vietnamesen in Lichtenhagen bis besonders zu den Türken in Mölln und Solingen alles, was scheinbar fremd war, zum Abschuss freigegeben war.

bodo Warum besonders die Türken?

MK Die waren auf einmal Mordopfer. Bei den Hetzjagden und Brandanschlägen, z.B. auf das Sonnenblumenhaus in Rostock und auf die Vietnamesen darin, ging es auch darum, aber die Opfer hatten Glück. Mit einem Freund besuchte ich damals einmal seine Großmutter, das waren Vietnamesen, Boat People, Flüchtlinge. Und er fragte seine Oma, warum die Mülltonnen so seltsam vor dem Haus standen. Sie sagte, damit sie durchs Fenster flüchten könnte, wenn die Nazis kämen. Das hat mich zutiefst erschüttert.

bodo Im Prozess gegen die Mörder von Mölln sagte der Opferanwalt Hans-Christian Ströbele: „Behörden, Politik und Politiker in der Bundesrepublik tragen eine politische und moralische Mitschuld an den Anschlägen.“

MK Es ging um die Abschaffung des Asylrechts und um die passende Stimmung in der Bevölkerung dazu. Um eine gesteuerte Medienkampagne, die täglichen Wasserstandsmeldungen in den Nachrichten: Heute soundsoviel Asylanträge, gestern soundsoviel, Menschenschlangen, Menschen auf Koffern – man hat nicht lockergelassen. Heute weiß man, dass in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992 Polizeikräfte bewusst abgezogen wurden. Der damalige Innenminister Seiters hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt, als er nach den Pogromen von Rostock sagte: „Die Vorfälle der vergangenen Tage machen deutlich, dass eine Ergänzung des Asylrechts dringend erforderlich ist, weil die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird“.

bodo Das war die Einladung an die Nazis, Politik mit dem Molotow-Cocktail selbst zu gestalten…

MK …und dazu kam die Idee: „Wir können die rechten Parteien nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir sie rechts überholen.“ Das haben die Leute ja offen gesagt.

bodo Aus den Neonazistrukturen der frühen 90er speiste sich der NSU, und auch jenseits davon ging das Morden weiter, die Amadeu Antonio Stiftung zählt 183 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Wie hast du die Zeit nach Mölln und Solingen erlebt?

MK In diesen Jahren ist praktisch ein gewisser Teil meines Selbstbildes abgebrannt. Vorfälle, Politikeräußerungen, private Erlebnisse danach sind in einen riesigen Behälter gefallen. Davor habe ich fein säuberlich getrennt: Das ist ein Idiot, das ist ein Nazi, das ist ein Populist, der das für sich nutzt. Seit dieser Zeit war ich für Integrationsdebatten weitgehend verloren. Wenn bestimmte Signalwörter fallen, spare ich bestimmte Gesprächsfelder komplett aus. Plötzlich war die Erkenntnis da, dass diese Leute, die mich rassistisch beleidigten, lediglich nicht kontrolliert genug waren zu schweigen. Das war keine Minderheit, sondern nur die Minderheit, die es offen aussprach. Es schockiert mich genauso, wenn jemand mit der ganz üblichen Verachtung über seine Roma-Nachbarn spricht, das sind für mich Zweige am selben Baum mit der selben Wurzel.

bodo Glaubst Du, dass das eine Gruppenerfahrung ist?

MK Ich denke schon, aber wir haben wenig darüber gesprochen. Die Desillusionierung war bei den Türken am stärksten, die die größte Identifikation mit ihrer deutschen Identität hatten. Die anderen haben sich eh auf ihr Türkischsein zurückgezogen. Sicher ist es so, dass auch die, die nichts von Mölln wissen, bis heute unter den Auswirkungen leiden. Das Misstrauen, die Abschottung – so viel ist darauf zurückzuführen. Auf der Bühne frage ich: Was habt ihr denn erwartet? Ich finde schon, dass man sagen kann, dass auch damals alles Menschenmögliche getan wurde, damit Integration nicht funktioniert. In meinem Programm erzähle ich von meinem Neffen, der in Berlin Stadtführungen für deutsche Touristen macht. Irgendwann stehen die Leute dann vor diesem Kuppelbau und fangen an: „Die können sich einfach nicht so integrieren wie die anderen.“ Oder: „Das passt einfach nicht ins deutsche Stadtbild.“ Und weil das jedes Mal passiert, lässt er es inzwischen dabei bewenden und sagt nicht, dass sie gerade nicht vor einer Moschee, sondern vor der großen Synagoge stehen.

bodo Das klingt wenig hoffnungsfroh…

MK Wenn ich Geschichten wie diese auf der Bühne erzähle und frage: „Was stimmt eigentlich mit uns Deutschen nicht?“, dann ist der Stimmungstiefpunkt erreicht. Es wird dann besser, wenn ich sage: „Gar nichts stimmt nicht“, wenn ich schildere, welche fremdenfeindlichen Anfälle meine Mutter in der Türkei hatte, wenn sie über Araber sprach. Heute erlebe ich das bei Türken in Bezug auf Zuwanderer aus Bulgarien. Ich glaube, dass die Angst vor den „Fremden“ etwas Menschliches ist. Die Frage ist, ob es beim Ressentiment bleibt, oder ob dann irgendwann das Denken einsetzt.

bodo Und wie waren Deine Erfahrungen in Mölln?

MK Wenn ich es in einem Satz zusammenfassen müsste: Ich bin mit einem Gefühl von Heimweh weggefahren. Die Atmosphäre zwischen den Künstlern und den Angehörigen war so herzlich. Beim Konzert selbst waren viele auch ganz junge Leute. Da konnte ich mit meinem Programm einen Kontext geben. Ich selbst bin dann in der Nacht noch zum Haus des Anschlags gefahren für meine kleine persönliche Gedenkveranstaltung. Das Besondere in Mölln ist, dass die Überlebenden die Form des Gedenkens selbst in der Hand behalten haben. Die Familie lief bei der Demonstration vorweg, Ibrahim Arslan hat das Konzert mit diesen ganzen großartigen Künstlern selbst moderiert. In einem Interview hat er gesagt: „Mit ihrem Tod wurde alles anders, aber umgefallen sind wir nicht.“ Das ist so. Die stehen alle noch. Ebenfalls wunderbar ist, dass es den Freundeskreis gibt, der nicht nur die Veranstaltung organisiert hat, sondern die Familie auch seit vielen Jahren begleitet. Das sehe ich mir an mit einem tief dankbaren Gefühl.